Umweltmediziner Klaus-Dietrich Runow zum Thema Umwelterkrankungen

„Wenn die Umwelt krank macht, – muss die Politik handeln“
Die Umweltrundschau fragt nach!

Unsere Eingriffe in die Natur zeigen nicht nur offensichtliche Folgen. Jeder redet von sterbenden Bienen und kranken Bäumen. Was ist mit uns Menschen?

Offensichtlich häufen sich Krankheiten wie Parkinson, Alzheimer, Multiple Sklerose, Diabetes, Krebs, Fettsucht, Leberschäden, Autismus, Depressionen und Umwelterkrankungen wie z. b.: erworbene Chemikalienintoleranz (erw. MCS), Elektrosmogintoleranz, Allergien und chronische Erschöpfung (CFS). Wir müssen fragen: Alles Zufall? Woran liegt es, dass Krankheiten wie ein Sick-Building-Syndrom, eine chronische Entzündung oder Stoffwechselerkrankung so rasant zunehmen?

Bildnachweis: Archiv Runow

Es heißt, dass immer mehr jüngere Menschen erkranken. Müssen wir uns bewusst machen, dass nicht nur das Klima sondern auch die Menschen einem Kollaps entgegensehen? Es ist die Rede von einer Zunahme von neurodegenerativen Erkrankungen. Sind das die Folgen für uns Menschen aufgrund einer Überbelastung mit Industriegiften? Das Team der Umweltrundschau will es für SIE genauer wissen. Experten antworten:

Anlässlich des anstehenden Fachgespräches [1] zu Umwelt und Gesundheit von „Bündnis 90 / Die Grünen“ am 20. Juni 2008 in Berlin „Wenn die Umwelt krank macht, … muss die Politik handeln“ [1], führte die Umweltrundschau ein Gespräch mit dem Umweltmediziner Klaus-Dietrich Runow.

UR: Sehr geehrter Herr Runow, vielen Dank schon einmal, dass Sie bereit sind, uns Fragen zu beantworten, die für unsere Leser von wesentlichem Interesse sind. Ist es richtig, dass eine Zunahme von Umweltbelastungen in Industriestaaten schwere und messbare Folgen für die Menschen ausgelöst hat und wenn ja, welche?

Klaus-D. Runow: Zahlreiche Studien belegen Zusammenhänge von Umweltchemikalien und der wachsenden Zahl chronischer Erkrankungen. Neben Allergien und ausgeprägter Chemikaliensensibilität nehmen u.a. die neurodegenerativen Erkrankungen wie z.B. Morbus Parkinson, M. Alzheimer, Multiple Sklerose dramatisch zu. Die Patienten werden immer jünger. In den USA werden mittlerweile fast 700 000 Alzheimer Patienten in der Altersgruppe um 50 (!) beklagt. Untersuchungen haben ergeben, dass sowohl bei den Alzheimer- als auch bei den Parkinson-Patienten die Fähigkeit erschöpft war, freie Radikale zu neutralisieren. Die Patienten waren dadurch deutlich anfälliger für Schäden des Nervensystems. Aus diesem Grund stellt die Unterstützung des Leberstoffwechsels eine wichtige Säule in meiner umweltmedizinischen Therapie dar.

UR: Sie sind vom Bundespräsidenten für besondere Verdienste geehrt worden. Was war konkret der Grund dafür?

Klaus-D. Runow: Im Juni letzten Jahres hat Bundespräsident Dr. Horst Köhler Ausgezeichnete des Bundesdeutschen Arbeitskreises für Umweltbewusstes Management (B.A.U.M.) empfangen. Als Preisträger des B.A.U.M. Umweltpreises 2006 in der Kategorie Medizin durfte ich an diesem Empfang im Schloss Bellevue teilnehmen.

UR: Welche Auslöser ließen Ihre Patienten zu Umwelterkrankten werden?

Klaus-D. Runow: Diese sind sehr unterschiedlich. Häufig berichten Patienten, dass sie nach einer Chemikalienüberexposition – also einer akuten Chemikalienbelastung – plötzlich übersensibel auch auf chemisch nicht miteinander verwandte Substanzen reagieren. Die Patienten können dann auch Reaktionen auf biologische Reize wie pflanzliche Duftstoffe und Ausdünstungen aus Hölzern (Terpene) entwickeln. Als Auslöser einer Chemikaliensensibilität kommen oft Lösungsmittel, Kunststoffausdünstungen und auch Pestizide in Betracht. Aber nicht nur die akute Chemikalienbelastung, sondern auch eine chronische Exposition mit geringen Schadstoffkonzentrationen kann als Auslöser in Betracht kommen.

UR: Was raten Sie den Menschen, die sich vor einer Erkrankung durch Umweltgifte schützen wollen und wie konnten Sie bisher konkret helfen?

Klaus-D. Runow: Bevor ich Behandlungsstrategien erarbeite, müssen meine Patienten ihren Lebens- und Arbeitsbereich auf Chemikalienexposition überprüfen – evtl. kann hier die Unterstützung durch einen Baubiologen hilfreich sein. Konkret helfen konnten wir schon vielen Patienten durch individuelle Entgiftungsbehandlungen. Vorab rate ich zu modernen Blut- und Urinanalysen, um individuelle Stoffwechselreaktionen (z.B. Entgiftungsleistung, Nährstoffversorgung) zu überprüfen. Einige konkrete Fälle habe ich in meinem neuen Buch „Wenn Gifte auf die Nerven gehen“ beschrieben.

UR: Was kann jeder Einzelne tun um umweltkranke Menschen zu unterstützen?

Klaus-D. Runow: Es wäre sicherlich hilfreich, wenn sich jeder überlegt, ob der Gebrauch von Parfüm, Rasierwasser, Weichspüler etc. wirklich notwendig ist. Einige meiner Patienten bezeichnen sich als „soziale Leiche“, weil sie nicht mehr am öffentlichen Leben teilnehmen können. Ein Besuch von Kino, Theater und sogar Arztpraxen ist oft aufgrund der Parfümbelastung nicht möglich. Durch den Verzicht auf diese Stoffe, reduziere ich die Belastung umweltkranker Menschen. Auch beim Hausbau, der Wohnungseinrichtung und der Gestaltung des Arbeitsplatzes sollte die Belastung durch chemische Emissionen reduziert werden. Grundsätzlich ist mehr Toleranz und Akzeptanz gegenüber chemikaliensensiblen Menschen notwendig. Die Basis hierfür ist natürlich mehr Aufklärung und Fortbildung für Patienten, Therapeuten und Politiker.

UR: Am 20. Juni 2008 findet das Fachgespräch „Wenn die Umwelt krank macht, … muss die Politik handeln“ [1], statt. Sind Sie der Meinung, dass die Politik etwas für den Stand der Umweltmedizin in Deutschland tun kann und sollte? Welche Vorschläge möchten Sie konkret einbringen? Was halten Sie von der Situation der Umwelterkrankten in Deutschland?

Klaus-D. Runow: Meine Antwort würde den Rahmen dieses Interviews sicherlich sprengen. Grundsätzlich bezweifele ich, dass die Politik aktuell hier etwas tun kann oder möchte. Notwendig wäre es sicherlich. Sobald die Wirtschaft begreift, dass gesunde Mitarbeiter, viel produktiver und kreativer für das Unternehmen sind als durch Chemikalien geschädigte Personen, wird sich etwas ändern. Auch in der Politik.

UT: Laut Bundesregierung, die am 17. April 2007 auf die kleine Anfrage der „Bündnis 90 / Die Grünen“ [2] antwortete, liegt der Anteil der umweltmedizinisch ausgebildeten Hausärzte bei 1,2% (Bundestagdrucksache 16/4848) [3]. Wenn dementsprechend rund 99% aller Hausärzte nicht umweltmedizinisch ausgebildet sind, kann doch sicherlich nicht jeder Bundesbürger mit der Erkennung einer schadstoffinduzierten Erkrankung rechnen, oder? Welche Erfahrungen dazu haben Sie in Ihrem Klinikalltag gesammelt?

Klaus-D. Runow: Das ist richtig. Manche der ärztliche Kolleginnen und Kollegen, die kassenärztlich tätig sind, beklagen sich über die bürokratische und finanzielle Zwangsjacke besonders im Hinblick auf umweltmedizinische Leistungen. Oft werden derartige Leistungen von den zuständigen Stellen als „nicht notwendig“ eingestuft. Man spricht von „alternativer“ und sogar Luxus Medizin. Übrigens: Ärzte die „nicht notwendige“ Leistungen erbringen laufen Gefahr, den Straftatbestand des Betruges zu erfüllen. Es gibt noch viele Gründe, warum viele Ärzte es eher vermeiden, umweltmedizinisch tätig zu werden.

UR: Nun setzen Sie sich bekanntlich seit vielen Jahren für Umweltpatienten ein. Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, was würden Sie sich für Ihre Patienten und die Umweltmedizin in Deutschland wünschen?

Klaus-D. Runow: In erster Linie brauchen wir Ärzte die Freiheit, bei chronisch kranken Patienten auch unkonventionell vorgehen zu dürfen. Ärzte dürfen nicht unter Budgetdruck geraten, wenn sie chronisch kranke Menschen mit modernen Analysen, wie sie z.B. in den USA verfügbar sind, versorgen. Vielleicht wäre ein erster Schritt, wenn man spezielle umweltmedizinische Einrichtungen – auch außerhalb der Universitäten – für die Erbringung solcher Leistungen zulassen würde. Diese müßten auch über schadstoffgeprüfte Unterkünfte verfügen. Nicht nur die chemikalienbelasteten Patienten in Deutschland bereiten mir Sorge. In vielen Krisengebieten leiden Kinder unter dem Einfluß giftiger Chemikalien. Ich denke z.B. an die nur 2 Flugstunden von uns entfernten Kinder in der Blei vergifteten Region um Mitrovica im Kosovo. Wenn hier nicht rasch gehandelt wird, erleiden die Menschen dort irreversible neurologische und immunologische Schäden. Auch auf internationaler Ebene wünschte ich mir eine umweltmedizinische „Task-Force“. Wenn ich mir die aktuelle Politik ansehe, dürfte dies jedoch zunächst mein Wunschtraum bleiben.

UR: Was können Sie den umwelterkrankten Menschen, die sich bei Ihnen Rat und Unterstützung holen, zur besseren Alltagsbewältigung auf den Weg geben?

Klaus-D. Runow: Es gibt keine allgemeinen Ratschläge für umweltkranke Menschen. Jeder Mensch ist eine biochemische Individualität und muß entsprechend individuell behandelt werden. Mir ist klar, dass dies in der staatlichen 5-Minuten-Medizin momentan nicht möglich ist – zumindest nicht bei umweltkranken Patienten. Wenn ich gefragt werde, wie soll ich ein Zimmer für Allergiker oder MCS Patienten einrichten, so wird jede gut gemeinte Antwort nur falsch sein können. Wenn ich die Mittel zur Verfügung hätte, würde ich ein Therapiezentrum mit zahlreichen unterschiedlich eingerichteten Zimmern bauen. Vielleicht gelingt uns ein solches Projekt in naher Zukunft. Hierzu brauchen wir aber noch etwas politische Unterstützung und natürlich Investoren, die nicht nur auf die zu erzielende Rendite achten, sondern ein ehrliches ökologisches Engagement zeigen.

UR: Haben Sie eine Vorstellung der aktuellen Patientenzahl, die dem Fachbereich der Umweltmedizin zugeordnet werden kann und gibt es Ihres Wissens nach, neuere Prognosen, die sich aus dem Stand der Wissenschaft heraus ergeben?

Klaus-D. Runow: Zahlen sind hier sehr problematisch, da viele umweltkranke Patienten in andere Diagnosekategorien eingeordnet werden. Die tatsächlichen Zahlen dürfen höher sein, als wir vermuten.

UR: Was meinen Sie als Mediziner, wie sich Chemikalienerkrankte davor schützen können, nicht in die Ecke der psychiatrischen Krankheiten geschoben zu werden und welche Unterstützung kann die Politik hierfür gewährleisten?

Klaus-D. Runow: Wir brauchen ein leistungsfähiges umweltmedizinisches Diagnostik- und Therapiezentrum, das auf internationalem Niveau arbeitet und wirkliche Therapiefreiheit genießt. Mit Unterstützung aus der Politik wäre ein solches Projekt sicherlich zeitnah zu verwirklichen.

UR: Vielen Dank für dieses informative Gespräch. Wir wünschen Ihnen und Ihren Patienten Alles Gute für die tägliche Praxis, beste Ergebnisse in Folge des Fachgespräches in Berlin [1]und Allzeit gute Gesundheit.
Das Gespräch für die UmweltRundschau führten Aida Infante und Klaus Fenslau.
redaktion ( at) umweltrundschau.de
www.umweltrundschau.de

Buchtipp:
Wenn Gifte auf die Nerven gehen
Wie wir Gehirn und Nervensystem durch Entgiftung schützen können.
Klaus-Dietrich Runow
176 Seiten, 12,95 Euro
Südwest Verlag, München 2008
ISBN 3-978-3.517-08387-2

Links:
[1] Fachgespräch am 20.6.2008: www.gruene-bundestag.de/cms/termine/dok/235/235488._wenn_…
[2] Kleine Anfrage der Bundestags Grünen:
dip.bundestag.de/btd/16/046/1604657.pdf
[3] Antwort der Bundesregierung vom 17.04.2007
Im Bundestag notiert: Umweltmedizin: www.bundestag.de/aktuell/hib/2007/2007_100/11.html

Kontakt:
Klaus-Dietrich Runow
Ärztlicher Leiter des Instituts für Functional Medicine + Umweltmedizin (IFU)
Im Kurpark 1
D- 34308 Bad Emstal

Tel: 05624- 925466
Fax: 05624-8695
www.umweltmedizin.org oder www.ifu.org
E-mail: ifu2000 (at) t-online.de

Zur Person:
Der Umweltmediziner, Klaus-Dietrich Runow, Jahrgang 1955, behandelt seit über 20Jahren Patienten mit Schadstoffbelastungen, Allergien, neurologischen Krankheiten, ADHS sowie Darmerkrankungen. Als erster deutscher Arzt hat er seine Umweltmedizinprüfung in den USA absolviert und ist zertifiziert vom International Board for Environmental Medicine. Mit seinem Buch Klinische Ökologie und dem im Jahre 1989 erbauten ersten Institut für Umweltkrankheiten im nordhessischen Bad Emstal ist er einer der Pioniere der Umweltmedizin in Deutschland. Vorträge in zahlreichen Ländern wie u.a. in Dubai, Japan, Österreich, USA, Saudi Arabien, Schweden, Schweiz, Ungarn haben sein Hepar-ToxR Entgiftungsprogramm in Patienten- und Medizinerkreisen bekannt gemacht. 2006 erhielt er den renommierten B.A.U.M. – Umweltpreis.
(Bildnachweis: Archiv Runow)